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Die leeren Seiten (10)

30. Juni
2 Min. Lesezeit

Sie blätterte um – und da war nichts mehr.


Keine Schrift.

Keine nächste Prüfung.

Kein Pfad, der ihr sagte wohin.


Einen Moment lang erschrak sie.

Hatte sie etwas falsch gemacht?

War die Geschichte zu Ende, bevor sie fertig war?


Doch dann hielt sie inne. Und schaute genauer hin.

Diese leeren Seiten waren kein Ende. Sie waren ein Raum.

Und in diesem Raum verstand sie plötzlich vieles, das sie vorher nicht sehen konnte.

Dass sie immer wieder in die falsche Richtung gelaufen war.

Dinge erreichen wollte, die gar nicht zu ihr passten.

Erwartungen erfüllte, die nie ihre eigenen waren.

Dass verschiedene Bedürfnisse in ihr streiten dürfen, ohne dass es ein Widerspruch ist.

Dass nicht alles ausgesprochen werden muss.

Nicht jedes Gefühl eine Antwort braucht.

Nicht jeder Zustand eine Erklärung.


Der größte Krafträuber war nie die Welt da draußen gewesen.

Es war der innere Widerstand. Der stille Kampf gegen sich selbst.

Ein Mensch, der sich jahrelang angepasst hat, darf erst einmal herausfinden, was ihn wirklich erfüllt.

In seinem eigenen Tempo. Ohne Druck. Ohne Ziel, das schon feststeht.


Heilung, so verstand sie, bedeutet nicht, nie wieder Unruhe zu spüren.

Nicht ständig in Balance zu sein.


Heilung ist leiser. Es bedeutet, sich selbst nicht mehr zu verlassen, wenn es schwierig wird.

Vielleicht war der größte Irrtum nicht, dass sie falsch war.

Sondern dass sie dachte, sie müsse anders sein, um richtig zu sein.

Sie ist ein Mensch, der viel fühlt. Der viel denkt. Der viel verarbeitet. Und der Zeit braucht.

Vielleicht wäre sie reich, dachte sie manchmal,

wenn sie für jeden Gedanken einen Euro bekommen würde.

Und zum ersten Mal war das kein Vorwurf. Sondern ein Lächeln.


Sie schloss das Buch nicht. Sie legte es einfach beiseite.

Denn zum ersten Mal fragte sie nicht mehr: Was fehlt noch?

Sondern nur: Was ist jetzt da?


Und vielleicht, dachte sie, beginnt die nächste Geschichte gar nicht mehr in Märchenform.

Vielleicht beginnt sie einfach jetzt. Im Hier. Im Heute. 🌿

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