König Drosselbart - zwischen geben und sich verlieren (6)
Nachdem die Prinzessin den Winter überlebt hatte, fühlte sie eine Kraft in sich, die sie lange nicht gekannt hatte. Es war, als sei ihr Herz weiter geworden. Freier. Mutiger.
Und so begann sie, ihre Visionen zu weben.
Sie sah all die Frauen, die noch immer im Zauberwald umherirrten, die glaubten, sie seien zu sensibel,
zu kompliziert, zu viel. Und sie wusste: Ich kenne diesen Weg.
Also sammelte sie ihre Erfahrungen wie kostbare Edelsteine. Ordnete sie. Polierte sie.
Formte daraus ein Programm – Schlüssel für jene, die ihre eigenen Tore noch nicht sehen konnten.🔑
Mit Liebe. Mit Hingabe. Mit einem offenen Herzen.
Sie trat hinaus auf die Marktplätze der modernen Welt, zeigte ihr Gesicht, sprach ihre Wahrheit,
obwohl sie sich einst geschworen hatte, unsichtbar zu bleiben. Frauen kamen.
Erzählten ihre Geschichten. Legten ihre Sorgen in ihre Hände. Und die Prinzessin war da.
Wie ein Fels in der Brandung.

Sie arbeitete lange Stunden. Verfeinerte ihre Konzepte. Überarbeitete ihre Worte.
Schliff an jedem Satz, als müsse er vollkommen sein, bevor er hinaus in die Welt durfte.
Doch fertig wurde sie nie.
Es gab immer noch etwas zu optimieren. Noch etwas zu verbessern. Noch etwas, das nicht gut genug war.
Die Resonanz blieb leise. Und sie begann, sich selbst zu hinterfragen. Vielleicht wusste sie doch nicht genug. Vielleicht war sie noch nicht weit genug. Vielleicht musste sie nur noch mehr lernen,
noch mehr Strategien verstehen, noch mehr tun.
Sie studierte jene, die ihr erklärten, wie man sichtbar wird. Was man sagen darf. Was man lassen muss. Wann man posten soll. Wie man klingen soll. Und während sie all das tat, zog etwas an ihr.
Leise. Unmerklich.
Bis es nicht mehr leise war.

Eines Tages saß sie inmitten ihrer Entwürfe, umgeben von Ideen, Zielen, Plänen –
und spürte, wie ihre Kraft wieder versiegte.
Nicht weil sie schwach war. Sondern weil sie sich selbst verlor. Da verstand sie.
Der alte Schatten war zurückgekehrt.
Nicht als Angst. Nicht als Panik. Sondern als das vertraute Bedürfnis, für andere stark zu sein.
Noch besser zu funktionieren. Noch mehr zu geben.
Sie hatte den Drachen der Furcht besiegt –doch nun stand sie vor einem anderen Lehrer.
Sein Name war König Drosselbart.
Er trug kein Schwert. Er erhob nicht die Stimme.
Er spiegelte.
Er zeigte ihr, wie schnell Hingabe in Selbstaufgabe kippen kann. Wie leicht Kraft zu Überforderung wird, wenn sie nicht im eigenen Herzen verankert bleibt.
Und diesmal…brach sie nicht zusammen. Sie blieb stehen. Atmete.
Und zog eine Grenze – nicht gegen die Welt, sondern für sich.
Zum ersten Mal sagte sie:
Ich tue dies nicht mehr, um gebraucht zu werden.
Ich tue es, weil es meinem eigenen Leben dient.
Und in diesem Moment veränderte sich etwas Grundlegendes.
Nicht laut. Nicht dramatisch.
Aber unumkehrbar.

Nicht jedes Geben entspringt der Fülle. Manches wächst aus der Angst, wieder allein zu sein.
Fragst du dich manchmal: Ist dein Helfen ein Geschenk – oder ein alter Schutzmechanismus?
Wann hast du begonnen zu glauben, dass du nur wertvoll bist, wenn du für andere stark bist?
Doch alte Pakte lösen sich nicht von selbst. Manche Fäden reichen weiter, als man glaubt.
Frau Holle wartet bereits.🤍




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